Heidelberg, Pfarrkirche Hl. Geist (ehemalige Jesuitenkirche)
Geschichtlicher Überblick
Zu den historisch anziehendsten Städten Deutschlands zählt Heidelberg. Sie hat eine wechselhafte Geschichte, die bis zu Funden vor der Römerzeit zurückgeht. Berühmt ist ihre Universität, die als zweitälteste deutsche Universität gegründet wurde. Heidelberg war durch seine Kurfürsten ein Zentrum der reformatorischen Bewegung, aber es wurde auch durch die Rückkehr des Kurfürstenhauses zum katholischen Bekenntnis in späterer Zeit zum Hort der Gegenreformation. Zeichen dieser Epoche ist u.a. die Jesuitenkirche und heutige Pfarrkirche Heilig Geist.
Die Jesuitenkirche spiegelt in ihrer Monumentalität die Baugesinnung des Jesuitenordens wieder, der ein katholisches Bollwerk in der Stadt errichten wollte. Die Pläne der Kirche gehen auf Johann Adam Breunig zurück. Längere Zeit war die Vollendung des Baus unterbrochen, sie wurde 1749 von dem Hofarchitekten Franz Wilhelm Rabaliatti fortgesetzt.
Die Baugestalt der Kirche
Eine monumentale Fassade prägt die Kirche, die sich an römischen Vorbildern des Jesuitenordens orientiert. Gotisierend wirkt die Fenstergestaltung, eine Bauform, die sich oft bei Jesuitenkirchen findet. Auch das Innere schließt sich an traditionelle Formen an. Wir betreten eine große dreischiffige Halle, die durch ihre relativ sparsame Ausstattung Monumentalität ausstrahlt.
Wenige Kunstwerke des 18. Jahrhunderts sind in der Kirche erhalten geblieben. Ihre Verwendung als Lazarett in den Franzosenkriegen, die Säkularisation und der wandelnde Kunstgeschmack des 19. Jahrhunderts führten zum Verlust der barocken Ausstattung. Auch die später übernommene Barockausstattung einer anderen Heidelberger Kirche musste Geschmacksänderungen weichen.
Die 1870 - 1872 durchgeführte Renovation gab ihr ein völlig anderes Gesicht. Die Steinsichtigkeit der Architektur, eine intensive Farbgebung und farbige Fenster prägten nunmehr ihr Erscheinungsbild.
Barocker Raumeindruck zurückgewonnen
Die Restaurierungen in den 50iger und den 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten zum Ziel, den barocken Raumeindruck zurückzugewinnen. Auf diesem Weg ging auch die jetzige Restaurierung, die durch das Erzb. Bauamt Heidelberg durchgeführt wurde, weiter. Anstelle des vergrauten Innenraumes öffnet sich vor uns ein weiter barocker Raum, der in seiner Zurückhaltung froh stimmt. Barocke Architektur, Ausstattung des 19. Jahrhunderts und die neuen Elemente (Chorraumgestaltung, Bänke) sind zu einer Einheit zusammengeführt worden. Von entscheidendem Gewicht war dabei die Ersetzung der grauen Scheiben durch zu der barocken Architektur passende Fenster, die ungehindert Licht in den Raum fluten lassen. Der neu geschaffene Zelebrationsbereich mit dem Altar des Bildhauers Rolf Bodenseh stellt in seiner Zurückhaltung und vorzüglichen Materialwahl den natürlichen Mittelpunkt für das liturgische Geschehen dar. Seine Form tritt nicht in Konkurrenz mit der Altarausstattung des 19. Jahrhunderts, die mit ihren farbenprächtigen Gemälden erstaunlicherweise, trotz ihrer nichtbarocken Formensprache, der Kirche ausstattungsmäßig etwas von einem barocken Ambiente verleiht.
Bei der jetzt durchgeführten Restaurierung wurde die gesamte Ausstattung von mehreren Restauratoren restauriert. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurden das Lunettenbild des Hochaltares freigelegt, wie auch die Statuen beim Hochaltar restauriert und wieder aufgestellt. Renoviert wurde ebenfalls die Krypta. Noch nicht in den Kirchenraum eingezogen ist die neue Orgel, die den krönenden Abschluss der Gesamtrestaurierung bilden wird.
Positives Echo zur Restaurierung
Die Restaurierung der Heidelberger Jesuitenkirche hat allgemeine Zustimmung gefunden. Timo John hebt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.09.2004 die gelungene Gestaltung der neuen „Zelebrationsinsel“ hervor und ebenso die Gestaltung des neuen Mobiliars, das vom Erzb. Bauamt Heidelberg selbst entworfen wurde. Die neuen Elemente hielten nach seiner Ansicht dem Vergleich mit ersten Designern stand. John bezeichnet die Restaurierung der Heidelberger Jesuitenkirche als eine der gelungensten Umwandlungen sakraler Räume der letzten Jahrzehnte.
Bemerkenswert an der Restaurierung der Heidelberger Jesuitenkirche ist die einheitliche Wirkung des Innenraumes, obwohl er aus heterogenen Elementen zusammengesetzt ist. Die barocke Raumschale hat durch die Neufassung ihren Glanz zurückbekommen. Durch die Neuverglasung strömt Licht in den Innenraum und gibt ihm im Laufe des Tages immer wieder neue Nuancen. Der Zelebrationsbereich entspricht in besonderer Weise den liturgischen Anliegen des zweiten vatikanischen Konzils. Er hebt sich hervor und vermag zugleich sich in die Gesamtsituation einzupassen.
Nach dieser beglückenden Renovation wird es für die Kirchengemeinde eine Freude sein, Weihnachten 2004 wieder in dem erneuerten und neu gestalteten Kirchenraum feiern zu dürfen.
Hintergrund: der Jesuitenorden
Der Jesuitenorden, die "Gesellschaft Jesu", entstand 1534 in Paris aus einer Gruppe von jungen Menschen um Ignatius von Loyola. Schon 1540 wurde der Orden von Papst Paul III. anerkannt. Die Gemeinschaft entwickelte sich rasch und übernahm eine führende Position in der Gegenreformation. Die Jesuiten wurden im Unterrichtswesen führend und im 18. Jahrhundert unterhielt der Orden europaweit über 650 Kollegien, 24 Universitäten sowie 200 Seminare und Ausbildungshäuser für Jesuiten.
In Heidelberg hatten die Jesuiten eine wechselvoller Geschichte. Sie kamen erst 1622 nach Heidelberg und mussten die Stadt 1648 wieder verlassen. Als die protestantische Linie der pfälzischen Wittelsbacher 1685 ausstarb, konnten die Jesuiten unter dem Kurfürsten Johann Wilhelm im Zuge der Gegenreformation 1698 zurückkehren. Die Jesuiten prägten nun durch verschiedene prachtvolle Barockbauten das Stadtbild von Heidelberg. Es entstanden das Jesuitengymnasium, das Carolinum und die Jesuitenkirche.
Das sogenannte Jesuitengymnasium "Schola inferiores" wurde von dem berühmten Barockbaumeister Johann Adam Breuning von 1715 bis 1717 für den Jesuitenorden erbaut. Hier fand der Unterricht für die 12- bis 14-jährigen Schüler statt. Heute befinden sich in diesem Gebäude Teile der Universität (Institut für Philosophie und Institut für Slawistik).
Das Carolinum, benannt nach Karl Borromäus, ist das letzte der repräsentativen Gebäude, das die Jesuiten in Heidelberg von 1750 bis 1765 errichteten. Architekt war Francesco Rabaliatti. Das Gebäude diente bis zur Aufhebung der Jesuiten 1773 der Ausbildung für den jesuitischen Nachwuchs. Nach einer sehr wechselvollen Geschichte ist heute im Carolinum die Universitätsverwaltung untergebracht.
Die Jesuitenkirche wurde 1711 vom Baumeister Johann Adam Breuning begonnen und unter Francesco Rabaliatti 1759 vollendet. Der Turm selbst wurde erst 1868 bis ' 72 hinzugefügt. Diese Gebäude bildeten den Kern des Jesuitenviertels.
Bernd Mathias Kremer / Albrecht Kollefrath
Links
Pfarrgemeinde www.jesuitenkirche.kath-hd.de
weitere Informationen zu Jesuiten www.jesuiten.de
